Roland Jordan, Gesellschaft für Literatur und Kunst, Turmbund, Innsbruck


Dunkelheit


Ich weiß, dass wir nichts wissen können,
das will mir schier das Herz verbrennen.

So klagt Faust schon am Beginn des gleichnamigen, gewaltigen Dramas von Goethe
und er spricht damit ein grundlegendes Dunkel an, das uns von Anfang an überschattet.
Denn es handelt sich in diesem wissenden Nichtwissen, wie es schon Sokrates
bemerkt hatte, nicht bloß um eine Unvollkommenheit der Erkenntnis, eine Wirrnis des Geistes, eine Begrenzung des Wissens, sondern geradezu um die radikale Aussage,
dass Wissen grundsätzlich nicht möglich sei.

Eine Milderung dieser These kommt von Kant, der Aufklärung anbietet und sie als Heraustreten des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit beschreibt,
aber sehr wohl auch davon spricht, dass wir das Ding an sich nicht erkennen können,
also das tiefste Wesen der Dinge, wiewohl ein Wissen denkbar ist, das in vielfältiger Weise angewendet werden kann.

Dunkelheit begegnet uns aus diesem Urdunkel heraus in mannigfachen Formen,
gleich der mehrköpfigen Hydra als vielschichtiges Phänomen, nicht nur janusköpfig.
Damit ist nicht nur das äußerliche, spektakuläre Dunkel gemeint, das gleichwohl viele innere, wiederum dunkle Wurzeln besitzt wie Kriege, Terror, Krankheit und Naturkatastrophen bis hin zum Tod.  
Das Dunkle kommt auch auf leisen Sohlen, in nobler Gestalt, auf geheimen Wegen,
mit schleichendem und aufrechtem Gang: So sagt etwa Heinrich Heine: Ich rief den Teufel und er kam, er ist nicht linkisch, ist nicht lahm, er ist ein höflicher, charmanter Mann.
Dunkelheit ist oft gefährlicher in täuschend schönen Gewändern, subtil, nicht sofort durchschaubar, oder besser gesagt, durchspürbar, und es irritiert uns nicht so sehr, dass es Schönes und Schauriges gibt, sondern dass Schönes oft schal erscheint und Schauriges
manchmal in schönem Glanz erstrahlt.

Aber gerade beim dichtesten Dunkel, dem Tod,  zeigt sich die Ambivalenz des Dunklen. Das Dunkel ist nämlich zunächst meist negativ besetzt, aber es gibt auch die samtene, wohltuende Dunkelheit in vielen Variationen, gleichend den mehrhändigen guten Göttern des Orients.
So wird selbst der Tod nicht als endgültige Schrecknis, als letzte Katastrophe gesehen,
sondern als ersehnter Freund und Erlöser.

So heißt es bei Rilke in seinem großartigen Stundenbuch:
Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen,
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen
mein täglich Leben schon gelebt gefunden,
und wie Legende weit und überwunden.
Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten, zeitlos breiten Leben habe...

Und Traute Foresti, die bekannte Autorin und Sprecherzieherin, (Axel Corti, Dietmar Schönherr und Walther Reyer waren ihre Schüler !)   meint:
Tod, du wirst meine letzte Liebe sein,
du wirst mich nehmen und mich nie verlassen
du wirst mich treffen tief ins Innerste hinein
du wirst mich liebend ganz erfassen.

Das ist eine völlig andere, sehr ungewohnte Dimension, denn häufiger ist ja die düstere Variante.

Wie können wir nun aber dem bedrohlichen Dunkel begegnen, auch in Bezug auf ethische Rücksicht und Verantwortlichkeit  ?


Mit der Wissenschaft ? Bei all ihren Leistungen nicht ganz. Zu sehr setzt sie auf Machbares außerhalb jeder Ethik.
Mit der Politik ? Bei all ihren Verdiensten mit einigen Einschränkungen. Zu sehr erliegt  sie oft den Versuchungen zu Machtgewinn und oft auch zu brutaler Machtausübung jenseits aller Moral.
Mit der Religion ? Bei all ihren positiven Seiten mit großem Bedenken, denn hier überfährt uns oft ein inhumanes und lebensfeindliches Regelwerk.

Was bleibt uns dann in unserer paradoxen Vorläufigkeit ? Es bleibt die Kunst mit ihren großen Gesten und feinen Zügen wie bei Susanne Kircher-Liner, mit überschäumendem rotierendem Licht am Ende eines jeden dunklen Tunnels wie bei Reinhard Prinz, mit ihrem mächtigen Hinausragen über jedes Einzelthema wie bei Martin Schwarz-Lahnbach und mit ihrer sowohl beherzten als auch untrüglichen und scharfen Sicht wie bei Jones.
Ja, wir sehen nicht nur mit dem Herzen gut, wie Exupery meint, sondern mit einer beherzten Sprache, mit beherzten Farben und Formen und Skulpturen.

Kunst fordert nichts von uns, sie reglementiert uns nicht, sie lädt uns ein, beim Anblick ihrer dominanten Gegenwärtigkeit selbst in freier Auslegung und Entscheidung tätig zu werden.

So wollen wir in das Auge der Schlange Dunkelheit schauen,
denn nichts können wir überfliegen, nicht unsere Zeit, nicht einmal Vergangenes und scheinbar Bewältigtes, wir müssen – wie Paul Celan  auch sagt – mitten hindurch gehen, so wie der Ritter im berühmten Bild von Dürer unberührt von Tod und Teufel durch
unwegsames Gelände reitet.
Kunstschaffende sind nicht dazu da, um sich in der eigenen Herrlichkeit zu sonnen,
sondern um andere zum Leuchten zu bringen, in unserem heutigen Falle aber, um andere durch das Dunkel zu führen oder zu befähigen, selbst das Dunkel hin zu einem verdeckten Licht zu durchschreiten, zu einem Licht, das weit entfernt ist von Rotlicht, Zwielicht und den Lichtorgeln exzessiver Ekstase, zu einem Licht, das wir insgeheim alle ersehnen und das bereit ist, uns ohne Vertröstung schon auf Erden aufzunehmen.

Die Welt ist hässlich, aber ihre Ausdenkung lässt Schönheiten zu, sagte kürzlich der bekannte Autor Peter Turrini. Nun, so pessimistisch wollen wir nicht sein, denn die Schwazer Welt hat zwar auch dunkle Flecken, die aber wiederum von der Schwazer Kunst überstrahlt werden.




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