"Metamorphose des Seins" in den Arkaden des Stadtparks/Schwaz

Martin Schwarz - Kulturreferent Schwaz:

Eine Frau, eine junge Frau, liegt da vor dem Betrachter - schläft sie, träumt sie? In welchem Zustand treffen wir sie an? Wir, die vorübergehen, in Gedanken, in Eile, in Alltagsgeschäften. Ist dieses Abbild eines Frauenkörpers beseelt, mit dem Leben in ihrem Körper, nur versunken in Schlaf, oder ist dieser Körper tot - nur noch Leib, Fleisch, Knochen, Haut?
Der Schlaf ist der Bruder des Todes - ein Wort, das dem blinden Dichter Homer zugeschrieben wird, vermittelt die Nähe des Gottes Hypnos, des Schlafes, zu seinem Bruder Thanatos, des Todes. Die Menschen der Antike brachten dadurch gern ihre täglich erfahrbare Nähe mit dem Tod zum Ausdruck. Der Schlaf bedeutet Schutzlosigkeit, Erschöpfung, Müdigkeit - das Augenschließen wird zur glücklichen Erfahrung. 
Zugleich war der Tod Teil des Lebens - das Leben galt es zu leben, den Tod zu akzeptieren.
Im Mittelalter wurde der Todesgedanke auf die Spitze getrieben. Der Mensch wurde in die Welt gesetzt, um zu sterben. Noch der Humanist Andreas Gryphius schrieb sein vielzitiertes Vanitas vanitatum, et omnia vanitas:
Ich seh´wohin ich seh/ nur Eitelkeit auf Erden/
Was dieser heute baut/ reist jener morgen ein/
Wo jetzt die Städte stehn so herrlich/ hoch und fein/
Da wird in kurzem gehn ein Hirt mit seinen Herden.
Und heute wird der Tod, die Vergänglichkeit, gemieden und verdrängt. Unsere Erfolgsgesellschaft hat selbst den Tod professionalisiert und rationalisiert und mit Verträgen wie Patientenverfügungen zu einer Rechtssache herabgestuft.
Schläft diese Frau, hier in den Arkaden, dem alten Camposanto von Schwaz, ist sie bereits tot? Oder hat es die Künstlerin Susanne Kircher-Liner vollbracht, genau den mythischen Moment einzufangen, diese unmessbare kürzeste Unendlichkeit des Augenblicks darzustellen?
"Schlafe sanft, und lass mein Bild dich umschweben" schrieb Susette Gontard in einem Brief an Friedrich Hölderin, im November 1798. In der Romantik waren so tiefe Gefühle erlaubt. Die Menschen erlebten einen neuen Gott, einen erlösenden, einen liebenden. Einen Gott, wie ihn schon das Urchristentum kannte, wenn es in Epheser 5,14 heißt:
"Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten."


"Metamorphose des Seins" Roland Jordan, 

Präsident Turmbund - Gesellschaft für Literatur und Kunst Innsbruck


Male die Metamorphose des Seins
auf die Tapeten der Seele uns groß.
Schicke uns ohne die Zeichen des Kains,
ohne Sandalen und Wagen und Floß,

nur mit den Adlern des Herzens in wirre
Welten, ihr Wesen im Kern zu erhellen.
Reiten wir blindlings auf sphärischen Wellen?
Niemals in kosmische Kälte verirre

künftig sich karg ein erlesener Blick.
Schuf doch Dein Bild uns als Metamorphose
Sprenge Arkaden und löse das lose
Leben aus jedem bedrängtem Geschick.


 

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